Montag, 17. September 2007

Akteur Gehirn (1)


Ich war in den Bergen und bin dabei in 2 Tagen mehr zum Lesen gekommen als in einer Woche in Wien (und das waren nur die Zugfahrten!). Das ist aber auch kein Wunder, denn ich habe mir vor der Abfahrt

"Akteur Gehirn - oder das vermeintliche Ende des handelnden Subjekts. Eine Kontroverse" (Hg.Innen Jo Reichertz / Nadia Zaboura, Wiesbaden, 2006) gekauft.

Seit ich "Ich bin Charlotte Simmons" von Tom Wolfe gelesen habe, ist mein ohnehin schwellendes Interesse an der Hirnforschung und ihren Anknüpfungspunkten wieder erwacht (über das Buch folgt hoffentlich noch ein eigener Post). Haben wir einen freien Willen oder bilden wir uns das nur ein? In welchem Ausmaß sind wir zu Erkenntnis fähig und wodurch werden unsere Gedanken bestimmt? Durch vorangegangene Gedanken oder durch neuronale Impulse jenseits unserer Wahrnehmung und damit natürlich auch jenseits unserer Kontrolle? Was ist das eigentlich genau, das mit "ich", "Persönlichkeit" oder "Seele" bezeichnet wird (je nach Diktion)? Gibt es das wirklich? Was spricht dafür, was spricht dagegen?

Und die Diskussionen in den Zeitschriften sind sowieso omnipräsent: Ist unser Verhalten erlernt oder folgen wir unbewusst noch steinzeitlichen Prägungen? Verlieben wir uns aufgrund von bewusst nicht wahrnehmbaren Gerüchen, kulturübergreifend geltenden Schönheitsnormen oder doch aufgrund von sozial erlernten Bewertungsmechanismen? Wieviel Einfluss hat die "Natur", wieviel die "Kultur"? Haben die Sozialwissenschaften mit ihren Hypothesen, ihrem "Sinn-Verstehen" und ihrer kaum überblickbaren Vielzahl an theoretischen Positionen überhaupt noch eine Chance gegenüber den "Naturwissenschaften" und ihren scheinbar objektiven Beobachtungen und einheitlichen Ergebnissen? Wie stark beeinflusst die Hirnchemie den Charakter - oder gar die Intelligenz? Welchen Einfluss haben unsere Gene, unsere Hormone und unsere Geschichte auf unser Bewusstsein? Und wie ist das eigentlich mit Männern und Frauen??? Wahrscheinlich der Themenbereich, über den die Natur/Kultur-Debatte in der Öffentlichkeit am häufigsten geführt wird, aber nicht der einzige.

(Anmerkung: ich vermische im vorigen Absatz einige unterschiedliche Diskurse. Worum es mir geht, ist der Unterschied zwischen einem biologistisch oder einem sozialwissenschaftlich geprägten Menschenbild.)

Das Buch ist das Ergebnis einer Tagung 2005, auf der versucht wurde, einen Dialog zwischen Natur- und Sozialwissenschaftlern zum Thema "Ergebnisse der Hirnforschung und ihre Konsequenzen für die Sozialwissenschaften" in Gang zu bringen.

Themen waren
  • Wie konzipieren die Neurowissenschaften die Entstehung von Bewusstsein und, daraus resultierend, menschlichen Handlungen? Wo sehen sie die Ursachen?
  • Gehen sie davon, dass Menschen einen freien Willen haben oder nicht? (Eher nicht.)
  • Wie sieht die Philosophie diese Negierung des freien Willens?
  • Geht die Soziologie eigentlich von Willensfreiheit aus? Wenn ja, wie wird diese definiert?
  • Wie sehen NeurowissenschafterInnen die Erkenntnisse der Soziologie, v.a. zum sozialen Handeln?
  • Wie werden Phänomene jenseits des rationalen Denkens, z.B. Emotionen, intuitives Verstehen oder Kreativität von Neuro- und Sozialwissenschaften erklärt.
  • Psychoanalytische Erkenntnisse zur vermeintlichen Einheit des ichs
  • Neurowissenschaften als Thema sozialwissenschaftlicher Untersuchungen
Ich möchte die einzelnen Artikel in Blog-Einträgen kurz vorstellen und kommentieren.

In der Einleitung bringt Reichertz einen kurzen historischen Abriss, wie sich die Vorstellungen vom menschlichen Bewusstsein bzw. von der Seele verändert haben.

Im 1. Artikel "Können wir unser eigenes Gehirn als Gehirn erkennen?" von Georg Northoff und Kristina Musholt beschäftigen sich die beiden mit der Frage, ob es möglich ist, sein eigenes Gehirn bewusst wahrzunehmen, d.h., die neuronalen Prozesse, die sich in ihm abspielen. Sie stellen fest, dass das Gehirn das einzige Organ ist, dass der innerkörperlichen Wahrnehmung nicht zugänglich ist (außer in Form von Kopfweh) und warum dies für das Funktionieren des Gehirns notwendig ist. Northoff hat sowohl Medizin als auch Philosophie studiert und die Mischung aus medizinischer und philosophischer Diktion verlangt dem soziologischem Leser einiges ab, andererseits handelt es sich um einen durchaus gut geschriebenen Text. Auch seine Beschreibung von medizinischen Versuchen, bei denen die Probanden die Tätigkeiten ihres Gehirns bildhaft erfahren und so versuchen sollen, diese zu steuern, fand ich sehr interessant. Da der Artikel jedoch das mich interessierende Thema Willensfreiheit / Menschenbild nicht berührt, gebe ich ihn hier nicht wieder.

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